Barrierefreiheit im Internet tangiert uns – Sie auch? Aber welche Gesetze sind für deutsche Unternehmen und Seitenbetreiber relevant? Was steht da eigentlich drin? Und: Wie setzt man Richtlinien aus Verordnungen und Gesetzesvorlagen richtig um? Damit Sie sich nicht durch den Dschungel der Gesetzgebung kämpfen müssen, haben wir für Sie das Wichtigste rund um BGG, WCAG und BITV zusammengetragen.

Doch zunächst: Warum wärmen wir ein Thema, das seit gut einem Jahrzehnt kursiert, wieder auf? Ganz einfach: um Wissenslücken zu füllen. In unserer täglichen Arbeit mit unseren Kunden haben wir festgestellt, dass im Alltag kaum Bewusstsein und vor allem Zeit für die Umsetzung barrierefreier Inhalte im Web existiert, dass sie die Gesetze nicht kennen oder nicht wissen, was zu tun ist. Werfen Sie doch mal einen prüfenden Blick auf Seiten öffentlicher Institutionen. Sie werden merken, diese sind selten barrierefrei. Hier besteht Handlungsbedarf, denn: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“, heißt es im deutschen Grundgesetz §3 Absatz 3. Das gilt auch für das World Wide Web!

 

Gesetze und Verordnungen rund um Barrierefreiheit

Seit der EU-Richtlinie 2016/2102 von Oktober 2016 sind die Mitgliedsstaaten angehalten, im öffentlichen Bereich barrierefreie Websites und Internetangebote zu etablieren. In Deutschland ist diese Bestrebung eigentlich seit 2002 im BGG, dem Behindertengleichstellungsgesetz, festgesetzt.
Websites öffentlicher Einrichtungen, Dienststellen sowie Online-Präsenzen von Stiftungen des öffentlichen Rechts müssen Ihre Web-Auftritte für alle Menschen zugänglich machen – für junge und alte Menschen, Gesunde und Behinderte. Es geht darum, dass die Nutzer die Inhalte mühelos erfassen, navigieren und Angebote, Formulare oder Online-Dienste ausführen können. Inhalte müssen dabei speziell für hörgeschädigte, kognitiv oder motorisch eingeschränkte, taube, sehschwache oder blinde User angepasst werden.

In dieser „Pflicht“ liegen allerdings weit mehr Vor- als Nachteile! Verbessertes SEO, eine größere Zielgruppe, Imagepflege, kürzere Ladezeiten und mobil-optimierte Seiten sind nur einige Benefits. Private Website-Betreiber sind gesetzlich nicht verpflichtet. Doch auch Sie können von Barrierefreiheit im Internet profitieren.

Benefits barrierefreier Websites? Besseres #SEO, schnellere #Ladezeiten & größere #Zielgruppe Klick um zu Tweeten

Neben dem BGG und der EU-Richtlinie 2016/2102 spielen auch die WCAG 2.0 und die BITV 2.0 eine wichtige Rolle. In diesen Verordnungen werden konkrete Handlungsanweisungen, sozusagen die Best Practices für Barrierefreiheit im Web, festgelegt.

WCAG

WCAG 2.0 steht für Web Content Accessibility Guidelines. Diese Richtlinien von 2008 legen praktische Standards für barrierefreies Webdesign fest, um das Internet Behinderten umfassend zugänglich zu machen. Die WCAG will also Sehgeschädigte, Schwerhörige, Taube, motorisch Eingeschränkte, Lern- und Sprachbehinderte in die digitale Gesellschaft integrieren. Der Grundgedanke ist, dass Web-Content für jeden Nutzer wahrnehmbar, funktional, begreiflich und robust sein soll. Für Behinderte sollen Brücken geschaffen werden, um Audio- sowie Videoinhalte, Bilder, Navigationselemente, Texte, Buttons etc. bedienbar zu machen.

BITV

Auf der WCAG fußt die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung 2.0, kurz BITV, der deutschen Gesetzgebung. Sie richtet sich an alle Web-Auftritte öffentlicher Einrichtungen. Diese müssen seit 2006 barrierefrei sein. Die Richtlinien greifen die vier Prinzipien Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit und Robustheit der WCAG auf. So steht auch die BITV für barrierefreies Webdesign ein und fordert, dass Internetseiten für alle begreiflich, praktikabel und nutzbar sind.

Seit 2006 müssen #Websites öffentlicher Einrichtungen #barrierefrei sein! Klick um zu Tweeten
Was bedeuten die Prinzipien genau?

Die Forderung nach Wahrnehmbarkeit zielt darauf ab, dass alle User die Inhalte eines Internetauftritts erfassen und konsumieren können. Bspw. sollen Audio-Inhalte für Taube zugänglich sein oder Videos für Blinde.

Die Bedienbarkeit betrifft die Navigation durch die Website oder das Erreichen von Formularen, Buttons oder Links. Menschen, die motorische Schwierigkeiten haben können vielleicht die Maus nicht benutzen. Sie „taben“ sich mittels der Tabulator- und Enter-Taste durch die Seiten. Daher muss sichergestellt werden, dass auf diese Weise alle Schaltflächen erreichbar sind.

Verständlichkeit steht für die kognitive Erfassung der Seite durch den Nutzer, aber auch die Erfassung durch helfende Programme. Die Sprache der Website, der Inhalt, die Bedienung etc. sollen für Mensch und Maschine begreifbar sein.

Robustheit bedeutet, dass Internetseiten mit verschiedenen Ausgabegeräten kompatibel sind. Barrierefreie Websites können demnach nicht nur fehlerfrei am PC oder Smartphone konsumiert werden, sondern funktionieren ebenso reibungslos mit assistiver Technik wie Screenreadern oder Braillezeilen.

Standards der BITV

Die Standards der BITV sind nach Prioritäten 1 und 2 gestaffelt. Die wichtigsten Standards, die unbedingt umgesetzt sein sollten, werden unter Priorität 1 erfasst. Damit Sie genau wissen, auf welchen Richtlinien Ihre Website basieren sollte, konzentrieren wir uns genau auf diese Anforderungen.

Struktur

Insgesamt fordert die BITV sauber strukturierte und sorgfältig konzipierte Websites. Das heißt: Die HTML-Tags werden richtig angewandt. Die Seiten-IDs sind eindeutig. Jede Seite erhält einen Titel, der den Inhalt beschreibt. Aufbau und Bedienung einer Website sind klar erkennbar. Die Navigation ist einheitlich und funktional. Alle Bezeichnungen und Labels sind konsequent durchgeführt. In den Meta-Daten der Website ist die Sprache des Internetauftritts hinterlegt. Das ist wichtig für unterstützende Programme wie Screenreader, damit die Texte in der richtigen Sprache vorgelesen werden. Aus diesem Grund sollte im HTML-Code auch Fremdsprachliches über das Language-Attribut gekennzeichnet werden. Das sieht so aus: <span lang=“en“>Language</span>.

Die BITV setzt auf responsives Webdesign. Responsivität steht für mobil-optimierte Website-Gestaltung, bei der sich eine Site dem Ausgabegerät – Desktop, Smartphone, Tablet –  anpasst. Laut BITV sollen Inhalte und Strukturen ohne Informationsverlust in unterschiedlicher Weise präsentiert werden können. Das bedeutet, dass die Anordnung und Zusammenhänge der einzelne Elemente für verschiedene Geräte sichergestellt ist. Neben der Optimierung für Smartphone und Tablet gehört aber auch die Anpassung für assistive Technologien wie Braillezeile oder Bildschrimlesegerät dazu.

Texte

Web-Texte müssen gut lesbar und für die User verständlich sein. Das fordert nicht nur die Gesetzgebung, das liegt auch jedem Online Redakteur am Herzen. Damit dies gelingt, rät die BITV zu kurzen, klaren Sätzen, zu prägnanter Sprache, zur Erklärung von Fachausdrücken sowie zur Kennzeichnung von Abkürzungen und Akronymen. Generell sind das die Best Practices fürs Web-Texten.

Worauf Online-Redakteure jedoch Ihr Augenmerk richten müssen, ist die Formatierung der Texte durch die richtigen HTML-Tags. Warum ist das wichtig? Bildschirmlesegeräte orientieren sich am HTML-Code. Anhand der Tags können Sie erkennen, was eine geordnete Liste, ein Absatz oder eine Überschrift ist. Das ermöglicht es wiederum Blinden, eine Website zu überfliegen, indem sie sich nur die Überschriften ausgeben lassen. Nutzen Sie als Redakteur nicht den Code zur Formatierung, sondern fetten Ihre Überschriften vielleicht, verlieren Sie möglicherweise einen interessierten Leser, weil Sie ihm die Information nicht zugänglich gemacht haben. Aus dem gleichen Grund sollten Sie sprechende Links verwenden. Dabei verlinken Sie Wörter oder Phrasen, die den Inhalt des Links erklären und außerhalb des Kontextes funktionieren würden. Assistive Programme können nämlich Links als Liste auslesen. Steht in dieser Liste dann im schlechtesten Fall mehrfach „hier“, wird der Nutzer kein Interesse aufbringen. Zusätzlich wird empfohlen über das title-Attribut eine kurze Beschreibung, dessen, was den Leser hinter dem Link erwartet, mitzugeben. Im Code sieht das dann so aus: <a href=“https://www.lombego.de/“ title=“Erfahren Sie mehr über die Produkte und Angebote der Webagentur Lombego Systems.“>Internetagentur Lombego Systems</a>.

Leichte Sprache ist ebenfalls ein zentrales Thema der BITV. Leichte Sprache folgt einem speziellen Regelwerk, mit dem Texte für Menschen mit kognitiven Schwierigkeiten erfassbar werden. Seit 2014 müssen öffentliche Einrichtungen Ihre Texte barrierefrei gestalten und diese für Behinderte verständlich aufbereiten. Ziel ist es, Fachausdrücken, Rechtliches und Formelles zu übersetzen und mit Bildern so zu illustrieren, dass es die Mehrheit der Menschen verstehen kann. Die Seite des Deutschen Bundestags in leichter Sprache zeigt, wie das geht. Von dieser vorbildlichen Umsetzung profitieren sicherlich nicht nur Behinderte.

Bilder, Farben, Graphiken & Multimedia

Grundsätzlich gilt: Alle Elemente, die keine Texte sind, benötigen eine Text-Alternative. Informationen, die nur über Bilder, Farben, graphische Elemente, visuelle Platzierungen, Audio– oder Videodateien übermittelt werden, sind nicht allen Usern zugänglich. Fotos, Graphiken und Co. brauchen einen guten Alt-Text, der den Inhalt oder die Stimmung des Bildes für Blinde beschreibt. Auch durch das title-Attribut können Erläuterungen integriert werden. Von Schriftgraphiken rät die BITV generell ab.

Für Audio-Dateien muss eine Audio-Deskription oder eine Volltext-Version für taube und gehörgeschädigte User zur Verfügung gestellt werden. Videos brauchen Untertitel und ggf. auch Audio-Deskriptionen. Audio-Inhalte, die automatisch und länger als drei Sekunden abgespielt werden, können durch den User pausiert und  in ihrer Lautstärke angepasst werden, ohne dass die am PC eingestellte Lautstärke beeinflusst wird. Gleiches gilt für die Video-Elemente ab einer Länge von fünf Sekunden.

Nutzen Sie Elemente mit Zeitbegrenzungen auf Ihrer Website, bspw. eine automatische Log-out-Funktion bei Inaktivität des Nutzers, gilt es auch hier, ein paar Richtlinien zu beachten. Prinzipiell müssen Sie dem Nutzer ausreichend Zeit einräumen, den Content zu erfassen. Informieren Sie den Leser, dass die Zeit abläuft, und richten Sie einen Reaktionszeitraum von mindestens 20 Sekunden ein. Entweder kann die Zeitbegrenzung gestoppt oder verlängert werden. Für Echtzeit-Ereignisse gelten diese Anforderungen jedoch nicht.

Usability

Nutzerfreundlichkeit wird im barrierefreien Webdesign groß geschrieben. Internetauftritte sollen von allen Benutzern steuerbar sein. Dafür müssen sich Web-Texte ohne assistive Programme auf 200% vergrößern lassen. Man kann also 5x die Tastenkombination „STRG+“ drücken und die Seite zoomt ein, ohne dass sich Elemente überlappen oder unkenntlich werden. Barrierefreie Seiten lassen sich mittels der Tastatur bedienen. Wie oben schon angerissen, navigieren speziell motorisch eingeschränkte User über die Tabulator-Taste. Sie müssen auf diese Weise alle Steuerungselemente der Seite erreichen können und gleichzeitig wissen, wo sie sich befinden. Das heißt, es muss einen sichtbaren Tastaturfokus geben, z.B. durch eine farbige Umrandung. Wichtig ist auch, dass die Fokussierung keine Änderung des Kontextes auslöst.

Um Formulare für alle User verständlich zu machen, sollen Eingabefelder mit Beschriftungen versehen werden. Außerdem wird zu Korrekturvorschlägen bei Eingabefehlern geraten. Ganz wichtig für alle Online-Dienste, die mit Überweisungen arbeiten und die Daten von Nutzern in Datenbanken bearbeiten, ist die Richtlinie 3.3.4. Die BITV sieht darin vor, dass Ausführungen rückgängig gemacht werden können, dass auf Eingabefehler überprüft wird und dass der User seine eingegebenen Informationen vor dem Absenden selbst kontrollieren und ggf. korrigieren kann.

Usability konzentriert sich auch auf die Führung des Users durch die Site. In diesem Sinne fordert die BITV, dass „den Nutzern Orientierungs- und Navigationshilfen sowie Hilfen zum Auffinden von Inhalten zur Verfügung zu stellen sind“. Die Besucher sollen sich bspw. anhand übersichtlicher Menüs leicht zurecht finden. Markierungen der Menüpunkte geben an, welche Seite gerade aktiv ist. Mit Suchfunktionen kann Content gezielt gefunden werden. Auch interne Links dienen der Nutzerführung. Indem Sie dem User so weitere Interaktionsmöglichkeiten vorschlagen, erhöhen Sie ganz nebenbei die Chance, dass er länger auf der Seite verweilt.

Zu guter Letzt: Achten Sie auf scharfe Kontraste, um eine optimale Lesbarkeit der Web-Inhalte zu gewährleisten. Ihre Texte sollten sich deutlich vom jeweiligen Hintergrund abheben.

P.S.: Sie möchten Ihre Website barrierefrei gestalten oder Sie haben Fragen rund um das Thema Barrierefreiheit im Internet, dann entdecken Sie unsere Leistungen oder kontaktieren Sie uns! Wir helfen Ihnen gern weiter.

Das könnte Sie auch interessieren: